Vermeidung
Warum das, was kurzfristig hilft, die Angst langfristig erhalten kann
Sie sagen die Einladung ab – und sofort geht es Ihnen besser.
Sie entscheiden, doch nicht mit der Bahn zu fahren, und die Anspannung lässt nach.
Sie nehmen im Kino den Platz am Rand, damit Sie jederzeit hinausgehen können. Das fühlt
sich sicherer an.
Sie fahren nur dann auf die Autobahn, wenn jemand neben Ihnen sitzt. So geht es.
Oder Sie gehen zwar in den Supermarkt – aber nur zu einer bestimmten Uhrzeit, mit dem
Handy in der Hand und möglichst nah am Ausgang. Auch das funktioniert.
Und genau darin liegt eines der interessantesten Probleme bei Angst: Vermeidung
funktioniert. Zumindest kurzfristig. Die Angst sinkt, der Körper beruhigt sich, die
unangenehme Situation ist vorbei oder wurde verhindert. Warum sollte unser System beim
nächsten Mal also nicht genau dasselbe tun?
Vermeidung ist zunächst verständlich
Wenn etwas wirklich gefährlich ist, ist Vermeidung sinnvoll. Wir müssen nicht jede Angst
überwinden. Wer einem herannahenden Auto ausweicht, verhält sich vernünftig; wer einen
offensichtlich gefährlichen Ort verlässt, schützt sich.
Problematisch wird Vermeidung dort, wo Situationen gemieden werden, die objektiv keine
entsprechende Gefahr darstellen – und wo die Angst beginnt, das eigene Leben zunehmend
einzuschränken.
Bei einer Agoraphobie kann das zum Beispiel öffentliche Verkehrsmittel, Geschäfte,
Menschenmengen, weite Plätze oder Situationen außerhalb des eigenen Zuhauses
betreffen. Dabei geht es häufig nicht einfach um die Angst vor dem Ort selbst. Gefürchtet
werden vielmehr mögliche Folgen:
Was, wenn ich hier Panik bekomme? Was, wenn mir schwindelig wird? Was, wenn ich nicht
schnell genug hinauskomme? Was, wenn niemand mir helfen kann? Was, wenn ich die
Kontrolle verliere?
Der Bus, das Einkaufszentrum oder die Autobahn werden damit nicht nur zu Orten. Siewerden zu Situationen, in denen etwas Befürchtetes passieren könnte.
Dann bleibe ich lieber zu Hause
Nehmen wir an, eine Person hatte im Supermarkt eine heftige Panikattacke. Beim nächsten
Einkauf entsteht schon auf dem Parkplatz Unruhe. Sie fährt wieder nach Hause – und fast
unmittelbar sinkt die Angst.
Das ist wichtig. Denn aus Sicht des Lernens ist gerade etwas sehr Wirksames passiert: Auf
das Verlassen der Situation folgte Erleichterung.
Verhaltenspsychologisch lässt sich das als negative Verstärkung beschreiben: Ein Verhalten
wird wahrscheinlicher, weil dadurch ein unangenehmer Zustand endet oder gar nicht erst
eintritt. „Negativ” bedeutet hier nicht „schlecht” – es bedeutet, dass etwas Unangenehmes
wegfällt.
Die Person hat also nicht einfach „aufgegeben”. Ihr Verhalten hatte eine unmittelbare,
spürbare Konsequenz: Es ging ihr besser. Und genau deshalb kann Vermeidung so stabil
werden.
Das Problem zeigt sich erst später
Kurzfristig lautet die Erfahrung: „Ich bin gegangen – und die Angst wurde weniger.” Doch
was konnte dabei nicht erfahren werden?
Vielleicht: Die Angst wäre auch wieder gesunken, wenn ich geblieben wäre. Oder: Ich hätte
die körperlichen Empfindungen ausgehalten. Oder: Die befürchtete Katastrophe wäre gar
nicht eingetreten. Oder: Selbst wenn ich Angst bekommen hätte, hätte ich die Situation
bewältigen können.
Durch das Verlassen der Situation bleibt offen, was tatsächlich passiert wäre. Und genau
deshalb kann Vermeidung neues Lernen erschweren: Die alte Erwartung muss nie überprüft
werden.
Wenn die Welt langsam kleiner wird
Bei ausgeprägter Agoraphobie kann daraus ein schleichender Prozess entstehen. Zunächst
wird vielleicht nur eine bestimmte Autobahnstrecke gemieden. Dann längere Fahrten. Später
wird nur noch gefahren, wenn jemand mitkommt. Vielleicht werden auch öffentliche
Verkehrsmittel unangenehm. Dann große Geschäfte, Konzerte, Restaurants, in denen man
weit vom Ausgang entfernt sitzt, Reisen, Alleinsein.
Nicht bei jedem Menschen entwickelt sich Angst auf diese Weise, und die Verläufeunterscheiden sich erheblich. Aber das Prinzip zeigt, warum Vermeidung eine so große Bedeutung für die Lebensqualität bekommen kann. Es geht irgendwann nicht mehr nur darum, Angst zu vermeiden – es werden möglicherweise auch Dinge vermieden, die
eigentlich wichtig oder schön wären.
Aber Vermeidung sieht nicht immer nach Vermeidung aus
Das macht das Thema therapeutisch besonders interessant. Manche Formen sind
offensichtlich: Ich fahre nicht mit dem Zug, ich gehe nicht ins Einkaufszentrum, ich fliege
nicht.
Andere sind viel subtiler. Ein Mensch fährt Bahn – aber nur in Begleitung. Er geht ins
Restaurant – aber nur, wenn er am Ausgang sitzen kann. Er fährt Auto – aber nur auf
Strecken, auf denen er jederzeit anhalten könnte. Er besucht eine Veranstaltung – prüft aber
vorher mehrfach die Fluchtwege. Er geht einkaufen – trägt aber für alle Fälle ein bestimmtes
Medikament bei sich. Er bleibt in der Situation – lenkt sich aber die ganze Zeit mit dem
Handy ab.
Solche Strategien werden in der Forschung als Sicherheitsverhalten bezeichnet. Sie
unterscheiden sich von vollständiger Vermeidung: Der Mensch geht zwar in die Situation,
versucht aber gleichzeitig, die erwartete Gefahr durch bestimmte Verhaltensweisen zu
verhindern oder beherrschbar zu machen.
Ist Sicherheitsverhalten immer schlecht?
Hier wird die Forschung interessanter, als es manche vereinfachte Therapieerklärung
vermuten lässt.
Lange nahm man an, Sicherheitsverhalten müsse während einer Exposition grundsätzlich
und möglichst vollständig unterbunden werden. Die empirische Lage war jedoch nicht
immer eindeutig. Eine Meta-Analyse von Blakey und Abramowitz fand damals keine
überzeugenden Belege dafür, dass Exposition ohne Sicherheitsverhalten grundsätzlich
bessere Ergebnisse erzielt als Exposition mit.
Neuere Forschung zeichnet inzwischen ein klareres, aber weiterhin differenziertes Bild. Eine
systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse von Goodson und Kolleg:innen
untersuchte gezielte Veränderungen von Sicherheitsverhalten in 26 Studien; 19 gingen in
die Meta-Analysen ein. Wurde Sicherheitsverhalten reduziert, nahmen im Vergleich zu
Kontrollbedingungen sowohl das Sicherheitsverhalten selbst als auch die klinischen
Symptome stärker ab. Wurde es experimentell verstärkt, nahmen beide zu. Die Autor:innen
weisen allerdings auf methodische Grenzen und Hinweise auf einen Publikationsbias hin.
Die wissenschaftlich angemessene Schlussfolgerung lautet deshalb nicht „Jedes Sicherheitsverhalten ist immer schädlich”. Aber es gibt zunehmend Hinweise, dass
Sicherheitsverhalten bei der Aufrechterhaltung von Symptomen eine Rolle spielen kann.
Denn wem schreibe ich meinen Erfolg zu?
Stellen Sie sich vor, jemand hat Angst, allein mit der Bahn zu fahren. Er schafft schließlich
eine Fahrt – hält aber die ganze Strecke über das Handy in der Hand und telefoniert mit
seinem Partner.
Am Ziel passiert etwas Interessantes. Er könnte lernen: „Ich kann Bahn fahren, auch wenn
ich Angst bekomme.” Er könnte die Erfahrung aber auch anders deuten: „Es ist nur gut
gegangen, weil mein Partner die ganze Zeit am Telefon war.”
Die Situation ist objektiv dieselbe. Die Bedeutung der Erfahrung ist es nicht. Genau deshalb
interessiert die Forschung nicht nur, ob jemand in eine gefürchtete Situation geht – sondern
auch, was er aus dieser Erfahrung lernt.
Sicherheitsverhalten ist offenbar sehr häufig
Wie alltäglich diese Strategien selbst innerhalb therapeutischer Expositionen sind, macht
eine aktuelle Untersuchung deutlich. In ihr wurden 7.301 dokumentierte Expositionsübungen
von 639 Patientinnen und Patienten mit Panikstörung beziehungsweise Agoraphobie,
sozialer Angststörung oder multiplen spezifischen Phobien ausgewertet. Obwohl die
Betroffenen angewiesen worden waren, möglichst auf Sicherheitsverhalten zu verzichten,
berichtete ungefähr die Hälfte bei ihrer ersten Übung davon – besonders häufig in Form
kognitiver Strategien. Im Verlauf weiterer Übungen nahm es ab. Und: Häufigeres
Sicherheitsverhalten ging mit geringerer Symptomverbesserung einher. Ein früherer Befund aus der Behandlung von Panikstörung und Agoraphobie wies bereits in dieselbe Richtung.
Auch hier ist jedoch wissenschaftliche Vorsicht geboten. Ein solcher Zusammenhang
beweist noch nicht, dass das Sicherheitsverhalten die geringere Verbesserung verursacht
hat. Menschen mit stärkerer Angst könnten zum Beispiel sowohl häufiger
Sicherheitsverhalten einsetzen als auch langsamer vorankommen. Genau deshalb sind
experimentelle Studien und Meta-Analysen wie die von Goodson so wichtig.
„Aber ohne meine Sicherheitsstrategie schaffe ich es gar nicht”
Das ist ein berechtigter Einwand. Denn therapeutisch besteht ein Unterschied zwischen:
„Ich brauche diese Strategie zwingend, weil sonst etwas Schlimmes passiert.”und
„Diese Unterstützung ermöglicht mir überhaupt erst, mich einer Situation anzunähern.”
Nicht jedes Hilfsmittel muss deshalb vom ersten Moment an wegfallen. Die klinisch
interessantere Frage lautet: Was lernt der Mensch durch die Erfahrung? Wird die
Sicherheitsstrategie dauerhaft zur vermeintlichen Voraussetzung dafür, dass nichts
passiert? Oder hilft sie zunächst beim Annähern und lässt sich anschließend schrittweise
reduzieren?
Genau an solchen Fragen zeigt sich, warum Angsttherapie mehr ist als der Ratschlag „Mach
es einfach trotzdem” .
Warum Freiheit vielleicht wichtiger ist als Angstfreiheit
Bei Vermeidung denken wir zuerst an die Angst. Doch ein anderer Maßstab ist mindestens
genauso wichtig: Wie viel entscheidet die Angst über das eigene Leben?
Kann ich die Menschen besuchen, die mir wichtig sind? Kann ich reisen? Kann ich
einkaufen? Kann ich allein irgendwohin fahren? Kann ich einen Arbeitsplatz wählen, ohne
meine Entscheidung danach auszurichten, welche Situationen ich dort vermeiden kann?
Kann ich spontan etwas unternehmen?
Eine erfolgreiche Behandlung muss deshalb nicht bedeuten, dass ein Mensch nie wieder
Angst empfindet. Ein bedeutsames Ziel kann vielmehr sein, Dinge wieder tun zu können –
obwohl Angst vielleicht auftaucht. Das ist ein grundlegender Unterschied.
Denn manchmal wartet die Angst darauf, dass wir ihr folgen
Vermeidung fühlt sich oft wie eine Lösung an. Und für den Moment ist sie das sogar: Sie
beendet eine unangenehme Situation, sie reduziert Anspannung, sie schafft Erleichterung.
Genau deshalb ist es so nachvollziehbar, dass Menschen sie immer wieder einsetzen.
Langfristig kann jedoch ein hoher Preis entstehen: Die Angst bekommt zunehmend Einfluss
darauf, welche Situationen wir betreten, welche Entscheidungen wir treffen und wie groß
unser Bewegungsradius bleibt.
Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb nicht „Wie sorge ich dafür, dass ich keine
Angst bekomme?”, sondern:
„Was würde ich tun, wenn meine Angst nicht entscheiden dürfte?”
Und damit kommen wir zum nächsten Teil. Denn wenn Vermeidung neues Lernen
erschweren kann, liegt eine Frage nahe: Was passiert eigentlich, wenn wir bleiben?





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